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Freitag, 22. Oktober 2010

Die Ruinen von Ahn'Qiraj

Kilean strich durch das Fell seines Nachtsäblers, als sie vor dem Skarabäuswall Halt machten.
"Bist du dir sicher, Tandral?"
"Ja, bin ich. Lass uns die Ruinen erforschen."
Der Druide sah nachdenklich zu seinem Freund hinüber. Dessen Miene wirkte entschlossen, ja geradezu versteinert. Er konnte nur erahnen, was im Kopf des Kriegers vor sich ging.
Der Krieger lockerte seine Muskeln und vergewisserte sich, dass die Zweihandaxt, die er auf dem Rücken trug, bereit war.
Auch Kilean machte seine Stangenwaffe griffbereit. Obwohl sie gehört hatten, dass sie Ruinen vor kurzem bereits erstürmt worden waren, rechneten sie mit allem.

Die Ruinen von Ahn'Qiraj waren anders als Kilean sie sich vorgestellt hatte. Im erheblichen Gegensatz zum Rest des Landes war es hier erheblich kühler, fast kalt. Scharfe Winde fegten über die Ruinen und wirbelten den Sand auf.
Kilean murmelte etwas und schien kurz zu schwächeln, fing sich aber sofort wieder. Auch der Wind schien ein wenig nachgelassen zu haben.
"Beeindruckend", bemerkte Tandral.
"Ich habe versucht, den Wind zu besänftigen... aber die Wut, die in ihm ruht, ist unglaublich."
Die Steinbauten waren bar jeden Lebens, wie sie feststellten als sie langsam tiefer vordrangen.
Kein einziger Silithid weit und breit, nur einige Male schreckten sie harmlose Skarabäen aus dem Sand auf.
"Welch unwirtlicher Ort", meinte Kilean während sie durch die Ruien liefen. Der Krieger nickte nur.

Als sie um eine Ecke bogen, schreckte Kilean zusammen. "Bei Elune!" Vor ihnen lag der Kadaver eines gigantischen Qiraji, dessen Arme in mannsgroßen Zangen endete.
"Ich erinnere mich an diesen hier. Das ist Rajaxx, ihr General... er war es, der Fandrals Sohn ermordet hat.
"Viele von uns starben, egal wer ihr Vater war", bemerkte Tandral trocken und zuckte mit den Schultern.
"Da hast du wohl Recht. Aber wenige starben so wie er... ich glaube deshalb erinnern die meisten sich an Valstann besonders gut."
Tandral erwiderte nichts und bedeutete dem Druiden, ihm zu folgen. Er führte ihn zu einer Bodensenke, in der sich Regenwasser gesammelt hatte. Ihnen gegenüber konnten sie den wohl größten Silithiden sehen, den Kilean bisher erblickt hatte.
"Uh, was ist das dort drüben?"
"Die Brutmutter? verstehst du jetzt, warum der Kampf nie endete? Nie enden konnte?"
"Sie legt unentwegt Eier... vermutlich auch die letzten tausend Jahre, nicht wahr?"
"Natürlich. Was sagst du nun, wo du den Schrecken hier mit eigenem Auge siehst?"
"Ich kann mir nicht vorstellen wie man hier tausend Jahre verbringen soll. Und doch hast du es geschafft..."
"Es gibt immer Verstecke - für Körper als auch Geist."
"Was meinst du?"
"Sieh dich um. Hier leidet nicht nur der Körper."
"Ich bewundere dich dafür, dass du hier 'nur' dein Gedächtnis verloren hast... und nicht soviel mehr."
"Mein Gedächtnis, mein Auge... vermutlich auch meinen Verstand."
"Du wirkst recht bei Sinnen", murmelte Kilean.
Tandral lächelte leicht. "Ich gebe mir Mühe."
"Wollen wir weiter?"
Der Krieger nickte.

Der nächste Gang führte sie durch ein Gebiet, das schon eher an einen der Silithidbauten erinnerte, die sie bereits betreten hatten... auf dem Boden krochen Larven umher, die immer öfter anhielten und den Sand zu fressen schienen.
Der Gang endete in einer Kammer, an deren Südwand sich hunderte von Waben befanden.
"Faszinierend, wie etwas so beeindruckend und schreclich zugleich sein kann", staunte Kilean.
"Keine Sorge. Das ist weit harmloser als es aussieht."
"Das hier ist eine Vorratskammer, nicht wahr?"
"Nicht ganz", korrigierte Tandral. "Eher eine Art Kommandozentrale für die Futtersammler. Der Jäger verließ seinen Posten nie."
"Er ist sogar dort gestorben..." Der Druide deutete auf die Überreste einer übergroßen Silithidweste am südlichen Ende der Kammer.
"Richtig."
Der Krieger wandte seinen Blick zur Westwand und ging auf einen großen sechseckigen Steinblock zu, der eine Art Tür darzustellen schien. Auf dem Block pragte ein riesiges Wappen, ein Skarabäus. In Erinnerung schwelgend strich Tandral mit den Fingern darüber.
"Diesen Anblick hatte ich soviele Jahre..."
"So sah das Siegel von innen aus?"
Der Krieger wandte sich zu seinem Begleiter um. "Zuerst. Im Laufe der Zeit wurde es immer mehr eingewebt. Und jede Hoffnung erlosch."
"Eingewebt? Von was?"
Tandral deutete auf die wabenartigen Strukturen seitlich der Tür. "Die Larven, Silikatfresser, verwandeln den Sand in dieses Zeug."
"Weshalb haben sie die Tür so eingewebt? Ich meine, diese Kreaturen wollten hier doch auch raus?"
Tandral lachte. "Du stellst Fragen. Ich weiß es nicht. Ich könnte auch fragen warum sie sich nicht einfach unter dem Tor durchgefressen haben."
"Aus demselben Grund, aus dem sie nicht einfach darübergeflogen sind", erwiderte Kilean. "Sie konnten es nicht. Mächtige Drachenmagie... ich weiß nicht, wie genau es funktionierte."
"DU verstehst nicht. Sie haben es nichtmal versucht. Nicht einer der Gänge des Baus führte zum Rand."
"Hast du es versucht? Dich durchzugraben?"
"Am Anfang. Nicht lange, es war zu auffällig. Die Silithiden begannen als erstes die Wände am Rand einzuweben. Das hier war eine Höhle. Eine perfekte Bruthöhle für Silithiden, von Elfen geschaffen. Nichts kann sie stören und ihr Nahrungsvorrat war unbegrenzt."
"Wovon ernährten sie sich denn? Hier konnte nichts raus und nichts rein..."
"Es ist eine Art Kreislauf. Die Silikatfresser fressen den Sand und verwandeln ihn in dieses Gewebe. Die Silithiden fressen und formen dieses Zaug dann. Wenn sie etwas anderes als Sand finden können, machen sie sich darüber her. Und wenn sie erst ausgewachsen sind, sind sie sehr genügsam."
"Hm. Wovon hast du all die Jahre gelebt?"
"Von Silithiden."
"Ahja, ich glaube das hattest du in Tanaris schon erwähnt, stimmt's?"
"Genau. Das frische Gewebe ist weich, wenn es trocknet wird es steinhart. Man konnte so Verstecke bauen. Wasser konnte man bei der Brutmutter zur Genüge finden."
"Diese Ruinen sind aber nicht alles, was es in dem versiegelten Bereich gab, oder? Der Rest is unterirdisch - der eigentliche Bau, nicht wahr?"
"Ja und nein. Diese Ruinen sind ein Teil des Baus. Es gab hier mehrere Ebenen. Stockwerke wenn du so willst. Grosse Hallen und kleine Kammern."
"Wie tief geht es hier hinab? Wie verdammt groß ist dieser verfluchte Ort."
"Ich entsinne mich an 50 oder 60 Stockwerke... irgendwo gab es auch noch einen... Tempel."
"Einen Tempel? Wofür?"
"Ein Tempel eben", entgegnete Tandral schnell und schien in Schmerz an die Erinnerung zu verkrampfen.
"Verschweig mir nichts.. wenn du dich an mehr erinnerst, sag es mir ruhig."
Tandral seufzte. "Ich erinnere mich, dass ich nicht immer unfreiwillig hier war. Nachdem alle anderen tot waren, gingen Natalia und ich zu diesem Tempel. C'thun erwartete uns dort. Er schien überrascht, aber vielleicht war es ein Trick. Wir hatten die Wahl - Dienen oder sterben."
Er pausierte und erschauderte. "Also dienten wir, wenn auch nicht aus Überzeugung."
"Ich hätte dieselbe Wahl getroffen... und viele andere wohl auch."
"Er wusste es. Als Strafe nahm er mir ein Auge."
"Du sagtest, ihr wärt zu ihm gegangen. Das heißt... er ist hier irgendwo?"
"Irgendwo, ja. Ich kann seine Präsenz spüren... und er weiß, dass ich hier bin."
"Ähnelt er den Silithiden?"
"Ich weiß es nicht. Er sah für jeden anders aus. Natalia sah immer Elune in ihm."
"Was war er für dich?"
Der Blick des Kriegers shcien in die Ferne zu schweifen. "Ich... verzeih, aber ich möchte nicht darüber sprechen."
Kilean nickte. "Versteh ich. Es ist recht persönlich."
Tandral sank auf die Knie. "Ah..." Er presste eine Hand gegen die Stirn, sein Gesicht verzerrte sich vor Schmerz. "Ich... ich muss hier raus. Sein Einfluss... so überwältigend..."
Alarmiert half Kilean dem Krieger auf. "Dann lass uns hier verschwinden. Aber wir kehren wieder zurück..."
"Danke..."

Tandral entspannte sich erst wieder, als sie die Ruinen verließen.
Aber die Stimme des alten Gottes hallte immer noch in seinem Kopf wieder.
KOMM ZURÜCK! DU KENNST DIE WAHRHEIT!
Ich weiß, antwortete er in Gedanken.

Donnerstag, 21. Oktober 2010

Mehr als nur Freunde.

"Ich muss zugeben, ich bin jetzt allerdings schon irgendwie neugierig, was die Zwerge herausfinden könnten, wenn wir ihnen helfen", meinte Kilean als die beiden durch Burg Cenarius schlenderten. "Das glaube ich dir ohne zu zögern. Aber wir sollten uns erstmal bedeckt halten. Natalias Tod wird für Aufruhr sorgen. Jetzt dorthin zu gehen, wäre Selbstmord", erwiderte der Krieger.
"Ja, vermutlich. Aber..."
"Nichts aber. Du weißt, worüber wir in Tanaris geredet haben. Dass ich dich nur mitnehme wenn..."
"Wenn ich weniger übermütig bin und vorsichtiger. Ich weiß. Das hier ist nicht Feralas. Ich war hier schonmal, ich weiß, wie gefährlich es hier ist", versicherte der Druide. "Und ich gebe dir ja Recht, wir sollten ein wenig warten. Was ich sagen wollte war, dass ich glaube, sie könnte das Geheimnis für dein Überleben all die Jahre sein."
Tandral sah zu Boden. "Das mag sein", meinte er schlicht.
"Ich nehme mal an, dass das Erforschen hier noch nicht geholfen hat, dich an mehr zu erinnern? Ich meine, außer dem was du mir in Tanaris schon erzählt hast?", hakte Kilean nach und musterte Tandral dabei aufmerksam.
"Nein, ich erinnere mich an nicht, was du wissen möchtest."
"Wissen möchte ich alles - aber die Zeit kommt sicher noch", tat Kilean es ab. Er merkte, dass Tandral nicht drüber reden wollte - noch nicht.
"Das letzte Mal warst du da noch anderer Ansicht."
"Man kann nunmal nichts erzwingen", winkte der Druide ab.
"Was möchtest du denn erzwingen?"
"Sag, kanntest du Natalia?", wechselte Kilean abrupt das Thema. "Sie wirkte fast überrascht, dich zu sehen."
"Ja, ich kannte sie", erwiderte der Krieger, während er den Blick fortschweifen ließ.
"Darf ich fragen woher?"
"Wir haben uns dort getroffen... während ich gefangen war."
"Ich verstehe."
"Was verstehst du?", fragte Tandral während er den Druiden argwöhnisch ansah.
"Es erklärt, warum sie dich scheinbar nicht angreifen wollte. Also wenn meine Vermutung, was sich all die Jahre dort abgespielt hat, stimmt zumindest."
"Und die wäre?"
"Sie hat in dem Bau überlebt, weil sie etwas gedient hat. Was, wenn..."
"Sie war stark als ich von dort fortging."
"Ich habe ein wenigdas Gefühl du verschweigst mir etwas, Tandral."
Über Tandrals Lippen huschte ein Lächeln. "Nur ein wenig?"
Entnervt seufzte Kilean. "Nein, eigentlich sogar sehr."
"Ohne sie wäre ich vermutlich nicht hier. Hätte ich gewusst, welchen Preis sie dafür zahlt..."
"Was soll das heißen?"
"Nur einer von uns konnte fliehen. Sie hielt mir den Rücken frei, nachdem sie mich überzeugt hatte, von dort zu verschwinden. Vermutlich bin ich mit dran Schuld, dass sie dem Wahnsinn anheim fiel."
"Falls sie da nicht schon konvertiert war."
Tandral schwieg einen Moment lang. "Ich hätte sie nicht allein lassen dürfen."
"Weißt du, eine Sache an deiner Geschichte ist seltsam. Natalia hat die ganzen letzten Jahre an der Seite ihres Gefährten verbracht. Ihm sogar einen Sohn geschenkt."
"Nein, sie hat all die Jahre an meiner Seite verbracht, als kleine Schwester", beharrte Tandral.
"Du weißt selbst, dass da etwas nicht stimmt."
"Ja", meinte der Krieger nur schlicht.
"Wie dem auch sei... ich will die Wahrheit enthüllen... und wenn ich dafür bis nach Ahn'Qiraj hinein muss - natürlich ohne es zu überstürzen."
"Betritt nicht leichtfertig sein Reich wenn du nicht-" Der Krieger brach ab und schüttelte verwirrt den Kopf.
"Wenn ich nicht was?"
"Ich... weiß es nicht."
"Deine Erinnerung ist wie ein sturer Nachtsäbler", seufzte Kilean. "Kurz bevor man sie fängt, zieht sie die Rute ein und sprintet davon."
Der Krieger lachte leise. "Ja, da gebe ich dir Recht. Es ist vielleicht sogar besser so. Ich sollte froh sei, dass mein Geist verschlossen ist. So-"
Der Druide schwieg und wandte den Blick ab. "Kilean..."
"Vielleicht ist es das... Es ist spät... Gute Nacht, Tandral." Mit gesenktem Kopf ging Kilean ins Gasthaus und ließ Tandral stehen.


Am nächsten Tag, nach einem längeren Streifzug durch die Sanddünen Silithus', kehrte Kilean nach Burg Cenarius und wusch sein Gesicht in den Wassern des dortigen Mondbrunnens.
Als er wieder aufsah, bemerkte er das kleine Päckchen neben sich. Neugierig öffnete er es und fand einen filigran gearbeiteten Ring. Er seufzte. Er hatte da noch etwas zu erledigen.
Es kostete ihn nicht viel Zeit, Tandral zu finden. Er war froh, dass sich zumindest das auch nicht geändert hatte - immer, wenn der Krieger nachdachte, oder allein sein wollte, suchte er sich die nächstbeste Schmiede und arbeitete mit Metallen und Steinen. Er fand das irgendwie beruhigend, hatte er Kilean mal vor all der Zeit erzählt.
Laut räusperte der Druide sich, um auf sich aufmerksam zu machen.
"Danke für das Geschenk... der Ring ist sehr schön." Der Krieger nickte nur, ohne sich umzudrehen. "Wegen gestern... ich hätte dich nicht so einfach stehen lassen sollen. Und heute morgen alleine losziehen."
"Ich habe dich gesucht."
"Ich wollte eine Weile allein sein."
Der Krieger drehte sich um. "Das kann man auch sagen. Du möchtest immer, dass ich rede. Was ist mit dir?"
"Ich stecke irgendwo zwischen hoffen und resignieren." Der Druide lächelte gequält. "Das ist nicht immer ganz einfach."
"Ich weiß, und es tut mir Leid", entgegnte Tandral.
Kilean schüttelte den Kopf. "Nein. Ich bin es, der sich entschuldigen sollte."
"Ich verstehe dich. Ich verstehe deinen Kummer und deine Sorgen. Aber bitte sprich mit mir, statt nur zu reagieren."
Der Druide nickte langsam. "Versprochen."
"Ich habe dir die Sache mit Natalia verschwiegen, weil ich genau vor dieser Reaktion Angst hatte."
"Das war gar nicht der Grund, warum ich gegangen bin. Es war weil du sagtest, vielleicht sei es besser so, dass du dich nicht erinnerst. Es-"
"Bezieh doch nicht immer alles auf dich. Meine momentane Erinnerung besteht aus Blut, Schmerz, Verzweiflung und Abschnitten, an die ich mich nur verschwommen erinnere. Wenn wir uns einem alten Gott stellen wollen, ist es sicher besser, dass mein Geist verschlossen ist. So ist er es auch vor ihm. Mehr meinte ich nicht."
"Ich wünschte nur, deine Erinnerung an uns käme zurück. Es schmerzt... und ich weiß nicht, was ich noch tun soll..."
Tandral ging einen Schritt auf den Druiden zu. "Aber das braucht Zeit... Überleg nur, wo wir vor wenigen Monaten noch standen. Da kannte ich nichtmal meinen Namen." Er machte eine kurze Pause. "Ich habe gestern die Frau getötet, die mich dort am Leben hielt. Die einzige Verbündete, an die ich mich gut erinnern konnte, habe ich töten müssen. Und dann drehst du dich um und lässt mich stehen. Ich möchte dich nicht verlieren... egal was passiert. Verstehst du das?"
"Keine Sorge... dich einmal zu verlieren war mir genug."
Mit einem Lächeln trat Tandral auf den Druiden zu und umarmte ihn. Leicht zögerlich drückte der Krieger seinem Freund einen Kuss auf die Wange.
Den Atem des kriegers auf seiner Haut zu spüren, jägte dem Druiden einen angenehmen Schauer über den Rücken. Ein verlegenes Grinsen huschte über sein Gesicht und er errötete leicht.
Tandral tat einen Schritt zurück. "Wenn ich auf dich zugehe, macht es dich verlegen. Warum? Ist es nicht das, was du möchtest?"
"Doch schon..."
"Aber?"
"Ich weiß es nicht. Ich kann es dir nicht erklären." Der Krieger seufzte.
"Also ist es falsch, auf dich zuzugehen und falsch es nicht zu tun."
Energisch schüttelte der Druide den Kopf. "Nein! So mein ich das nicht. Tu einfach das, was du für richtig hältst. Das, was du tun möchtest. Alles andere sieht man dann."
"Gut."
Der Druide tat einen raschen Schritt und küsste den Krieger auf dieselbe Stelle. "Und nochmal danke", flüsterte er ihm ins Ohr.
"Wofür?", fragte Tandral, während er sanft mit dem Daumen über die Wange des anderen fuhr.
"Einfach dafür, dass du da bist."

In Silithus



Die beiden Nachtelfen ließen ihren Blick zum ersten Mal seit tausend Jahren wieder über das Wüstenland Silithus streifen.
Irgendwo in den Sanddünen und den Insektenbauten verbarg sich die Wahrheit.
Die Wahrheit darüber, was die letzten tausend Jahre mit Tandral passiert war.

Ihr Weg in die Vergangenheit führte sie als erstes nach Burg Cenarius, der letzten Hochburg der Zivilisation in diesem verlassenen Land.
Der Druide wurde von einigen direkt erfreut begrüßt. Er kannte manche noch von früher, darunter Kommandant Mar'alith selbst.

Ein wenig verwundert erkundigte Kilean sich, wo denn Natalia, seine Gefährtin sei.
Der Kommandant sah betrübt zu Boden. "Meine geliebte Natalia ist verschwunden. Um die Wahrheit zu sagen, sie hat sich schon Wochen vor ihrem Verschwinden äußerst seltsam benommen. Ich habe sie mehr als einmal dabei erwischt, wie sie zu sich selber sprach, obwohl niemand in der Nähe war. Doch sie behauptete felsenfest, dass mit ihr alles in Ordnung sei und sie ihre Forschungen unbedingt fortsetzen müsste. Das letzte Mal hatte man sie gesehen, wie sie nach Süden, in Richtung Bronzebarts Lager verschwand. Kilean, um alter Zeiten willen - tut mir einen Gefallen und sucht nach ihr, falls Ihr die Zeit erübrigen könnt. Wenn Euch der Weg nach Süden führt, sprecht mit den Zwergen bei Bronzebarts Lager. Ich kann hier keine Streiter entbehren."
"Seid unbesorgt - Tandral und ich werden uns auf die Suche machen, nicht wahr?"
Der Krieger nickte nur.

So führte sie ihr Weg gen Süden. Beim Anblick der seit damals noch größer gewordenen Silithidbauten überkam Kilean ein Schauer. Bald würde ganz Silithus ein einziger Bau sein, wenn man diese Kreaturen nicht aufhielt...
Und auch bei Tandral wurden Erinnerungen wach, als sie weiter nach Süden gelangten und der Skarabäuswall vor ihnen aufragte.
Die beiden Zwerge erzählten ihnen, wie sie und Natalia zu einem der Bauten gegangen waren und sich ins Innere gewagt hatten.
Tief im Bau fanden sie einen seltsamen Kristall, der von oben bis unten mit Glyphen verziert war, die sie nicht kannten.
"Was geschah dann?", erkundigte Tandral sich neugierig.
"Mit einem Mal stürmte die Elfe auf den Kristall zu und drückte ihre Wange mit einem wohligen Seufzen dagegen, das passierte!", polterte der Zwerg.
"Sie war absolut nicht ansprechbar, die Gute. Wir haben sie dann auf schnellstem Wege da rausgebracht und zurück nach Burg Cenarius. Da haben wir sie dann gelassen", fuhr der andere fort.
"Bis vor ein paar Wochen! Da tauchte sie plötzlich wieder hier auf. Extrem aufgewühlt und befahl uns, sie noch einmal in den Bau zu begleiten. Natürlich ist das Wahnsinn und wir haben versucht, sie zur Vernunft zu bringen! Das war der Moment in dem sie uns angriff!"
"Sie griff euch an?", vergewisserte sich Kilean verwundert.
"Bei den Bergen von Khaz Modan, und wie sie das tat! Irgendwie haben wir es geschafft sie abzuwehren. Dann rannte sie wie von der Tarantel gepiekst zu dem Silithidbau. Das war das letzte, was wir von ihr sahen. Wenn ihr mich fragt, diese Elfe ist völlig wahnsinnig!"
"Danke, dass ihr uns diese Geschichte erzählt habt. Sie hilft uns sehr weiter."

Besorgt wandte sich Kilean an den Krieger.
"Ich fürchte, wenn wir Natalia finden wollen, werden wir in den Bau hineinmüssen. Ich weiß, dass du davon nicht begeistert sein wirst, aber-"
Tandral unterbrach seinen Begleiter. "Es ist in Ordnung. Ich will genauso wissen wie du, was mit Natalia passiert ist."

Vorsichtig wagten die beiden sich in den Bau vor. Geschickt schalteten sie Silithidwachen aus, bevor diese ihre Artgenossen alarmieren konnten.
Tief in der Erde fanden sie dann die Kammer mit dem Kristall - und Natalia. Die Nachtelfpriesterin saß wie verzaubert vor dem Kristall.
Als die beiden Nachtelfen näherkamen, wandte sie ihren Blick abrupt ihnen zu und stand auf.
"C'Thun wird diese Welt wieder zurückerobern!", schrie sie, als sie auf Kilean und Tandral zurannte.

Minuten später tropfte Blut von ihren Waffen und die wahnsinnige Priesterin lag reglos zu ihren Füßen.
"C'Thun also...", flüsterte Kilean. Der Krieger ging in die Hocke und strich sanft eine Strähne ihres weißen Haares zur Seite.
"Das wird ihm nicht gefallen..."
"In der Tat. Lass uns zu ihm zurückgehen und ihm erzählen was hier passiert ist."
"Was? Äh, ja, zum Kommandanten. Natürlich."
Der fast wehmütige Blick, den Tandral der Nachtelfe zuwarf, als sie gingen, entging Kilean nicht, aber er schwieg.

Eine Mischung aus Zorn und Trauer erfüllte Kommandant Mar'alith, als die beiden Nachtelfen von ihrer Mission zurückkehrten.
"C'Thun? WAS hat das alles zu bedeuten? Wer ist C'Thun? Wie kann dieser Teufel meine geliebte Natalia in dieses Monster verwandeln, von dem Ihr mir berichtet habt? Aber ich danke euch dennoch für eure Hilfe. Bitte lasst mich nun... allein." Er wandte sich ab.

Samstag, 16. Oktober 2010

Erwachen

Dunkelheit.
Lange Zeit umgab mich nichts als Dunkelheit. Mit einem Mal wurde es dazu noch kalt. Kälter als der Tod selbst. Dann öffnete ich die Augen.
Ich fühlte mich stark. Und dann hörte ich die Stimme.
"Ihr seid einer meiner erwählten Ritter. Alles, was ich bin, Zorn, Grausamkeit, Rache, verleihe ich Euch. Ich schenke Euch Unsterblichkeit, auf dass Ihr ein neues Zeitalter der Geißel einleitet", sprach sie zu mir. Sie gehörte einem Wesen, das wohl zu den mächtigsten in Azeroth gehören musste. Dem Lichkönig. "Ihr werdet zu meiner Vergeltung. Auf Euren Schritt folgt die Verderbnis. Geht nun und folgt Eurer Bestimmung, Todesritter."

Und ich zögerte nicht, zu dienen.
All die Zeit hallte ein Name in meinem Schädel wieder.
Tandral. Tandral. Tandral. TANDRAL.

Ich dachte, ich hätte meinen Job schon vor all der Zeit richtig erledigt. Immerhin versagt Kadoberas niemals. Aber ich konnte es spüren. Er war am Leben.
Aber das ließ sich ändern. Ich lächelte siegessicher.

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Der Brief

Die Hände des Druiden zitterten, als er den Brief las, den Mathrengyl ihm bei seiner Rückkehr in die Enklave des Cenarius in die Hand gedrückt hatte.

Kilean
Ich wollte dir meinen Dank aussprechen für das, was du für mich getan hast.

Ich denke, um mich selbst zu finden, werde ich an meine Wurzeln zurückkehren müssen. Ich werde mir meine Geschichte von jenen wiederholen, die sie mir gestohlen haben.

Wenn ich nicht wiederkehre sollst du wissen, dass du mir ein guter Freund warst, egal in welcher Phase meines Lebens.

Tandral


"Er will nicht wirklich...", murmelte er leise. "Aber wenn er..." Sein Blick schweifte in Richtung Kriegerterrasse. Er stopfte den Brief in seine Tasche und wechselte in die flinke Gestalt der Raubkatze und spurtete zur Terrasse.

Kurz bevor er sie erreichte, nahm er wieder seine normale Gestalt an und mäßigte seinen Schritt. Sein Gesichtsausdruck war fest, als er auf Darnath Klingenlied zuging.
"DU!", stieß der Krieger hervor und zog sein Schwert, das er auf Kilean richtete. "Geh mir aus den Augen!"
"Nein", erwiderte Kilean trocken. "Ich will Antworten. Tandral war hier, nicht wahr?"
Darnath verstärkte den Griff um sein Schwert. "Halte dich von meinem Sohn fern. Oder willst du ihn diesmal endgültig in den Tod treiben?!"
Kilean zuckte zusammen. "Ich habe nie... Darnath, du ist blind vor Hass! Ich habe ihn vor all der Zeit nie gebeten mich in den Süden zu begleiten! Das war sein eigener Wille. Bei Elune, ich habe sogar versucht es ihm auszureden, aber dein Sohn war und ist genauso stur wie du es bist!"
Der Druide machte eine Pause und holte tief Luft. "Dein Sohn hat mich geliebt! Warum bist du nicht imstande, das zu akzeptieren? Was ist so schandhaft daran? Tandral ist das Sinnbild eines Kriegers gewesen. Tapfer, stark, ehrenhaft. Was ist so frevelhaft daran, zu lieben? Sag es mir Darnath!"

Der Krieger vor ihm antwortete nicht. "Glaubst du denn, dass du der einzige bist, der die letzten tausend Jahre gelitten hat? Nicht sicher sein zu können, ob der einzige Sohn noch am Leben ist? Dass das letzte, was du zu ihm gesagt hast, war, was er doch für eine Schande für die Familie sei?" - "Ich weiß nicht, wer dir diesen Unsinn erzählt hat, aber..." - "Tandral selbst. Am Tag unserer Abreise nach Silithus. Er war am Boden zerstört, dass sein Vater ihn tatsächlich verstößen würde. Und das nur, weil er jemanden liebt." Kilean drehte sich zu Arias'ta um. "Noch mehr aber hat es ihn verletzt, dass seine Schwester sich auf die Seite ihres Vaters stellt. Das ist der Grund, warum ihr beide nicht bei ihm wart, als er endlich gefunden wurde, richtig? Ihr hattet Angst vor seiner Reaktion, wenn er aufwacht."
Die Nachtelfe sah zu Boden, die Augen des Kriegers hingegen funkelten wütend.
"Du weißt nichts über mich, Junge. Und jetzt geh mir aus den Augen, bevor ich nachhelfe."
"Darnath, du bist ein Narr. Du hast ihn schon einmal verloren. Willst du ihn erneut verlieren? Oder siehst du das als seinen Weg zur Reetablierung an? Alleine zieht er in den Tod, Darnath! Hast du den Schrecken in Silithus vergessen? Den Krieg? All die verlorenen Leben?"
"Ich bin ein Narr? Sieh erstmal dich selbst an. Du rennst etwas nach, was verloren ist. Er ist nicht mehr der, der er vor tausend Jahren war. Der Tandral, der dich so inbrünstig geliebt hat, dass er dir bis ans Ende der Welt gefolgt wäre, ist damals in Silithus gestorben."

Der Druide sah zu Boden. "Ja, das mag sein. Aber damit auch der Sohn, den du verstoßen hast. Darnath... du weißt, wie es ist jemanden zu verlieren, den man liebt. Manchmal habe ich dich beobachtet, wie du junge Krieger ausbildest. Ihnen sagst, dass Krieger zu sein bedeutet, sich allen Gefahren zu stellen. Bereit zu sein, sein Leben für das derjenigen zu geben, die man liebt. Nur zu töten, wenn man es muss."
Darnath wandte sich ab.
"Tandral folgt diesem Weg. Er hat es immer getan. Ich bitte dich... leg all den Hass ab. Sag mir wohin er gegangen ist - und lass mich ihn retten."

Darnath ließ das Schwert sinken. "Vielleicht hast du Recht. Er... er wollte nach Silithus, nach Ahn'Qiraj. Dem Ort, wo alles begann. Wenn du es kannst... rette meinen Sohn."
Kilean nickte. "Ich danke dir, Darnath. Ich verspreche dir, ich bringe ihn wieder zurück."

Ohne einen Augenblick länger zu warten, spurtete Kilean wieder in Gestalt der Raubkatze davon. Das Ziel stand fest. Silithus... der Ort, an dem alles begann.

Trennung

Schweigend ritt Tandral von dannen. Er wollte weg, weit weg, irgendwohin, um nachzudenken.

Kilean, er hatte ihn gern. Er schätzte seine Gegenwart, seine Ratschläge, seine Geschichten. Aber er verfluchte seinen Übermut und sein kindisches Verhalten. Warum glaubte er ihm nicht? Warum brachte er sich immer wieder in Gefahr? Warum, bei Elune, musste er in jeden Silithidenbau hineinlaufen den er finden konnte? Hatte er gar nichts gelernt? Oder war die Trennung von ihm wirklich so traumatisch gewesen, dass er jetzt jeden retten wollte, bevor er ein ähnliches Schicksal erleiden musste?

Auf seinen Streifzügen durch Tanaris fand Tandral einen weiteren Bau der Silithiden. Er war größer als alle die er zuvor gesehen hatte. Zumindest größer als alle an die er sich erinnerte. Mussten diese Dinger ihm denn auch jetzt sein Leben zerstören? Hatten sie noch nicht genug angerichtet? Wutentbrannt stürzte er sich auf sie, zerriss einen Silithiden nach dem anderen, bis er irgendwann kraftlos zusammensackte. Als sich der rote Schleier vor seinen Augen lichtete blickte er sich um. Zahllose zerfetzte Panzer umgaben ihn, seine Plattenrüstung hing in Fetzen an seinem Körper und seine Haut war von Stichen und Bissen übersät. Die Stiche, das Gift. Doch Tandral spürte nichts. Da war keine Lähmung, kein Schmerz. Tandral blickte sich suchend um. Doch, er hatte einige der Silithidenwespen getötet. Er erinnerte sich, wie die Stachel in seinen Körper eindrangen und er sah auch wieder vor sich, was Kilean ihm über ihren Freund erzählt hatte.

Er erinnerte sich an an immer mehr der schrecklichen Einzelheiten seiner Gefangenschaft. Aber hätte er das Kilean erzählen sollen? Hätte er ihm sagen sollen wie sehr er gelitten hat? Wovon er sich ernähren musste? Wie viele Elfen er sterben sah? Oder auch nur, was er des Nachts in seinen Träumen sah? Nein, seine zarte Seele hätte es nicht verkraftet.

Tandral fasste einen Entschluss, wendete seinen Sturmsäbler und ritt nach Darnassus. Dort angekommen führte ihn sein erster Weg zu seinem Vater. Er war es leid. Er hatte mehr verdient als Verachtung. Schmutzig und zerrissen wie er war baute er sich vor dem stolzen Anführer der Schildwachen auf.

„Vater, ich muss mit dir reden“ „Ich habe keinen Sohn“ Tandral schluckte. „Doch den hast du, das wissen wir beide. Auch wenn ich dich nicht immer mit Stolz erfüllte habe und dir nicht immer gehorsam war, so bin ich immer noch dein Sohn“ Darnath Klingenlied warf Tandral einen abschätzigen Blick zu. „Du hast mich nicht nur einmal enttäuscht, Sohn. Kaum das ich höre das du wieder unter uns weilst muss ich auch vernehmen das dieser Kilean dich wieder in seinen Fängen hat. Sieh dir nur an wo das hingeführt hat. Das du es so wagst mir unter die Augen zu treten. Hast du keinen Respekt?“ „Doch Vater, den habe ich.“ Tandrals Blick geht zu Boden. „Ich bin nur gekommen um dir zu sagen das ich mich auf den Weg mache meine Vergangenheit zu finden“ Darnath herrschte ihn an. „Was willst du finden? Deine Vergangenheit ist hier und sonst nirgends“ „Nein Vater. Meine Vergangenheit liegt in Silithus. Hinter den zerstörten Toren von Ahn Qiraj. Dort werde ich sie suchen und dort hoffe ich sie zu finden.“

Als Tandral sich umwand hört er ein ersticktes Flüstern hinter sich. „Tandral, bitte, geh nicht.“ Es war Arias, seine Schwester. „Ich muss. Ich verspreche dir, ich komme wieder“ „Das hast du schon mal gesagt Tandral, zu mir und auch zu Kilean.“ „Ja, und ich habe recht behalten oder?“ Tandral lächelt seine Schwester aufmunternd an und drückt sie zum Abschied fest an sich. „Ich gehe nicht sofort. Ich muss noch einige Vorbereitungen treffen, aber ich weder gehen.“

Immer wieder wanderten Tandrals Gedanken zu Kilean. Was er wohl tat, was wohl aus ihm wurde, und so beschloss er ihm einen Brief zu senden.

Kilean

Ich wollte dir danke sagen, für alles was du für mich getan hast. Ich mache mich auf den Weg zu meinen Wurzeln und hoffe dort meine Vergangenheit zu finden. Sollte ich nicht wiederkehren, so sollst du wissen das du mir ein guter Freund warst, in jeder Phase meine Lebens.

Tandral



Mittwoch, 6. Oktober 2010

Streit

Ihre weitere Reise führte sie nach Feralas, auf die Insel Sardor, zur Mondfederfeste. Benannt nach der Generalin Shandris Mondfeder, führte sie dort einen Teil der Schildwache an. Kilean und Tandral waren von Falfindel Wegeshut aus Thalanaar hierher geschickt.
Einige Pakete, die er angefordert hatte, waren nie angekommen. Als die beiden Shandris darauf ansprachen, wich ihre strenge Miene einem besorgten Ausdruck. "Raschal... ja. Er war der Kurier, das ist eine Woche her. Wir haben ihn seitdem nicht mehr gesehen. Ihr solltet euch mit Ginro Herdfeuer unterhalten, wenn ihr mehr Informationen benötigt."

Die beiden Reisenden taten wie geheißen. Ginro jedoch konnte ihnen auch nicht viel weiterhelfen. Er hatte Raschal vor einer Woche nach Thalanaar gesandt, und der Kurier hatte sich mit einem Ruderboot in Richtung Festland aufgemacht. Das war das letzte, was er von dem Nachtelfen gesehen hatte. Er hatte zwar schon Anweisung gegeben, die Küste in Augenschein zu nehmen, aber mit wenig Erfolg.



"Lass uns nochmal die Küste untersuchen. Vielleicht hat man ja etwas übersehen. Ich kann auch den Meeresboden selbst unter die Lupe nehmen", schlug Kilean vor und Tandral hielt dies für den besten Ansatz. Sie waren überrascht als sie an der Küste selbst von wütenden Wasserelementaren attackiert wurden. Etwas musste diese Mächte stark in Aufruhr versetzt haben, und die beiden hatten allerhand damit zu tun, nicht überwältigt zu werden.
Weit im Süden der Küste fanden sie dann tatsächlich etwas. Überreste eines Ruderbootes, regelrecht aufgerissen und zerschmettert, verlassen.
Nur ein altes Messer war zurückgelassen worden. Kilean ging auf Tauchgang, er fürchtete, Raschal könne ertrunken sein, fand aber zu seiner Erleicherung nichts.

Sie brachten das Messer zurück zu Ginro, der es sofort als eines von Raschals Messern erkannte. Er wirkte für einen Moment unschlüssig, dann senkte er die Stimme. "Sagt... habt ihr schon einmal etwas von Psychometrie gehört?"
Kilean blinzelte. "Was bitte?"
"Angeblich kann man die Geschichte von Gegenständen aus ihnen lesen. Irgendne Art von Magie, mit der ich nichts zu tun haben will, wenn ihr mich fragt. Aber Quintis hier versteht sich darauf. Wir sind alte Freunde. Ihr solltet das Messer zu ihm bringen. Sagt einfach, ich hab euch geschickt und wenn er euch helfen kann, vergess ich seine Schulden."
"Danke. Wir kommen zurück, sobald wir Neuigkeiten haben."
"Findet Raschal und bringt ihn zurück, das ist mir schon mehr als recht."

"Quintis Lebenshand?" - "Ja, das bin ich. Wie kann ich euch beiden helfen?", antwortete der Nachtelf mit wild zerzaustem grünen Haar, den Kilean sofort als Druiden erkannte. "Ginro schickt uns. Wir suchen nach Raschal und haben dieses Messer gefunden... er sagte, Ihr könntet uns helfen." - "Ah, ja. Raschal... der verschollene Kurier. Na, dann lasst mal sehen." Er schnappte Kilean das Messer aus der Hand und fuchtelte ein wenig damit rum. "Wisst ihr, das ist ziemlich anstrengend." - "Was genau tut ihr?" Quintis hielt inne. "Das ist nicht einfach zu erklären. Seht ihr, es ist ein Geheimnis der Natur, dass ich noch nicht ganz verstehe. Grob gesagt prägen sich Emotionen ein. Orte, Gegenstände... Was auch immer. Wenn man weiß wie, kann man die Geschichte eines Gegenstandes sehen. Und jetzt brauch ich einen Moment Konzentration, wenn's euch nichts ausmacht."

"Irgendwie hab ich ein schlechtes Gefühl dabei, Kilean. Ein paar Gnolle hätten ihn nicht so in Panik versetzt, sonst hätten sie ihn wohl gar nicht erst losgeschickt. Ich meine, in diesen Wäldern wimmelt es von ihnen", meinte Tandral auf dem Weg zurück zum Festland.
"Ja, und das macht mir auch Sorgen. Die meisten Gnolllager sind im Südosten, wir sollten uns dort als erstes umsehen."

Eine Stunde später fanden sie den ersten Anhaltspunkt. In einem Gnolllager hatten sich einige von ihnen um zwei Lederranzen gestritten. Sie zögerten nicht lange und brachten sie an sich. In einem fanden sie ein Paket, das an Falfindel Wegeshut adressiert war. In dem anderen waren ein wenig Proviant und eine Notiz.

"Diese Notiz... das ist unmöglich..." - "Wieso? Was steht da?", erkundigte sich Tandral überrascht.
Kilean holte tief Luft.
Ich weiß nicht, wer das hier lesen wird. Oder ob überhaupt. Aber ich habe etwas Schreckliches entdeckt. Im Süden von Feralas. Man nennt den Ort verwundene Tiefe und irgendwelche heimtückischen Käferkreaturen treiben dort ihr Unwesen! Ich habe gesehen wie sie einen Wolf der ihrem Bau zu nah kam zerrissen haben! Ich werde mich dort umsehen. Wer das hier findet... erzählt Ginro Herdfeuer von meinem Fund! Ihr findet ihn auf der Insel Sardor.

Gezeichnet, Raschal von Mondfeder


Kilean schwieg einen Moment lang. "Käferartige Kreaturen. Denkst du was ich denke? Kann es sein, dass sich die Silithiden schon hierher ausgebreitet haben? Wir sollten uns diese verwundene Tiefe genauer ansehen, oder?"
Tandral nickte zögernd.

Sie gingen vom Lager aus weiter nach Süden und fanden schon bald was sie suchten. Einen Silithidenbau mitten in den Wäldern von Feralas. Mannshohe Wespen die den Bau umkreisten, Arbeiterdrohnen, die im Bau ein- und ausgingen.

Vorsichtig ging Kilean einige Schritte näher drauf zu. "Komm... wir müssen schauen ob wir Raschal finden können."
Der Krieger rührte sich keinen Schritt. "Ich gehe da nicht rein. Der ist vermutlich ohnehin bereits tot!"
Der Druide wandte sich um. "Was ist in dich gefahren? Wir können jetzt nicht einfach so tun als sei nichts! Wenn er noch lebt, ist er in Gefahr!"
Tandral verschränkte die Arme. "Und ich war es nicht?"
"Was... Wovon redest du?"
"Ich kann tausend Jahre lang in dieser Hölle schmoren, und diesen Kurier, den du nie zuvor gesehen hast, rettest du. Einfach so. Und du sagtest, du liebst mich? Ha."
"Was faselst du für einen Unfug zusammen? Ich habe jeden Stein in Silithus auf den Kopf gestellt! Massenhaft Silithiden ausgeräuchert, während ich in deren Bauten nach dir gesucht habe. Gehofft habe. Zu Elune gebetet habe. Für nichts. Für nichts und wieder nichts außer tausend Jahre lang Schuld und Verzweiflung. Nach allem was ich für dich tue und getan habe wirfst du mir so etwas vor? Weil ich jemand anderem dein Schicksal ersparen will?"
"Für mich getan? Du tust das für dich. Weil du hoffst, dass ich zu dir zurückkomme. Das alles wie damals ist. Ich erinnere mich an nichts, Kilean. Bei Elune, ich weiß nicht mal, ob es wahr ist, was du mir erzählst!"
Der Druide wirkte wie versteinert. "Ich würde... dich niemals... anlügen..."
"Aber zu den Kreaturen, die mir mein ganzes Leben geraubt haben, führst du mich wieder?!"
"Ich wusste ja nicht mal..."
"Mir ist egal ob dieser Raschal noch lebt, schon tot ist oder von diesen Monstern zerrissen wird! Ich gehe jetzt."
"Schön! Dann werde ich alleine dort runtergehen und ihn retten!"
"Tu, was du nicht lassen kannst."
Der Krieger wandte sich umd ging.

Kilean nahm die Gestalt der Raubkatze an und ließ seine Wut am erstbesten Silithiden aus. Verbiss sich im Chitinpanzer, zerfetzte ihn, schlachte das Insekt ab. Im Moment seines Todes stieß es einen schrillen Laut aus - und Sekunden später war der Druide von Silithiden rumringt. Er wehrte sich und schrie um Hilfe - aber die schiere Anzahl überwältigte ihn bald.




Einige Zeit später zerrte Tandral den völlig aufgelösten Kilean mit eisernem Griff aus dem Bau. "Es tut mir Leid", murmelte der jüngere Nachtelf immer wieder.
"Bei Elune, sei endlich still!", fuhr Tandral ihn an.
Der Druide zuckte zusammen. "Ich sag dir, wie's jetzt weitergeht. Unsere Wege werden sich hier trennen. Wir sind quitt. Du hast mir beim Zurechtfinden nach meinem Erwachen geholfen, ich dir das Leben gerettet. Ende der Geschichte."
"Tandral, ich... es tut mir Leid, wirklich.... bitte..."
Der Krieger schüttelte den Kopf. "Nein... ich brauche Zeit für mich. Allein." Er wandte sich ab.
"Sehen wir uns wieder...?"
"Das weiß ich nicht. Leb wohl." Ohne sich umzublicken, ritt Tandral auf seinem Nachtsäbler davon.