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Donnerstag, 16. September 2010

Der Anfang eines neuen Lebens

Kilean konnte seinen Augen nicht trauen, als er schließlich als er den Verletzten dann endlich erblickte.
"Das... das ist völlig unmöglich. Er ist es wirklich."
Tandral lag auf einem der Betten und schlief. Die Hälfte seines Gesichts war in einen Verband gehüllt, die Gerüchte, er habe ein Auge verloren, schienen wahr zu sein. Der ganze Körper war von Narben bedeckt.
Kileans Hand zitterte, als er sie vorsichtig ausstreckte um den schlafenden Nachtelfen zu berühren. Er zögerte, als sei es nur eine Illusion, ein Traum der vergeht, wenn er ihn berührt.

Eine seltsame Mischung aus Freude, Unglauben und Angst durchfuhr ihn. Was würde Tandral sagen, wenn er aufwachte und ihn sah? Was, wenn er ihm übelnahm, dass er ihn aufgegeben hatte? Was, wenn er ihm vorwarf, ihm nicht zu Hilfe gekommen zu sein?

Er wollte sich umdrehen und langsam gehen, als Tandral leise stöhnte und die Augen öffnete. Erschrocken setzte er sich auf und robbte an die Bettkante, als er den verwaschenen Schemen vor sich sah. "Wer... wo..."
"Ich bin es doch, Kilean. Erkennst du mich nicht?"
"Ich... nein... ich erinnere mich an nichts."

Irgendetwas in Kilean brach. Hier war er. Der Mann, den er seit Jahrhunderten liebte. Ohne jegliche Erinnerung an ihn...
Er verbarg seine Enttäuschung so gut er konnte. Vielleicht kehrten seine Erinnerungen ja zurück? Er war schon froh genug, dass Tandral tatsächlich noch lebte.
"Ich werde kurz mit Byancie reden. Sie hat dich gesund gepflegt. Wenn du einverstanden bist, werde ich mich ab jetzt um dich kümmern."
Tandral nickte. "Danke... wer immer du bist."

Kilean eilte zu der Heilerin und erzählte ihr von dem Erwachen Tandrals, seinem Gedächtnisverlust, was er ihm bedeutete... und bat sie, ihn in seine Obhut zu übergeben. Sie nickte, ermahnte ihn aber auch, sich im Zaum zu halten und seine eigenen Gefühle nicht über das Wohl seines Freundes zu stellen.

Tief durchatmend ging Kilean zurück ins Gasthaus. Tandral hatte inzwischen angefangen sich die Beine zu vertreten und blätterte durch einige herumliegende Bücher. Aus den Augenwinkeln sah er Kilean näherkommen. Mit einem vorsichtigen Lächeln auf den Lippen drehte er sich um.
"Das freut mich", erwiderte er, als der Fremde ihm sagte, dass ... Byancie, wenn er sich recht entsann, einverstanden war. "Darf ich fragen... woher kennst du mich? Waren wir Freunde? Es tut mir Leid, dass ich mich nicht erinnern kann."
Kilean schwieg einen Moment lang. Diese Frage war genau jene, die er befürchtet hatte. Was sollte er sagen?
"Wir... wir waren weit mehr als Freunde", antwortete er nach einer kurzen Pause.
"Ich... ich verstehe nicht ganz."
Kilean drehte sich weg und erwiderte leise "Wir haben uns geliebt..."
Tandral schnappte überrascht nach Luft.
"Ich... ich lass dich jetzt besser allein", stieß Kilean hervor und eilte davon.

Der Druide stoppte erst beim Mondbrunnen hinter dem Gasthaus wieder und ließ sich an dessen Begrenzung nieder. Er starrte ins Wasser hinein und brachte mit einer schnellen Handbewegung das Wasser in Aufruhr, um sein Spiegelbild nicht sehen zu müssen. Aufgebracht wischte er die Tränen fort, die sich in seine Augenwinkel geschlichen hatten. Er hörte, wie Tandral näher kam, und beschloss, ihn zu ignorieren. Er hatte schließlich auch das Recht, für einen Moment allein zu sein, oder nicht?
"Weißt du, es tut mir Leid, dass ich mich nicht erinnere. Nicht mal an uns. Und es tut mir Leid, wenn ich nicht der sein kann, den du dir erhofft hast. Aber bitte gib mir Zeit...", sprach Tandral, während er auf sein Spiegelbild im Wasser starrte.
"Ich habe tausend Jahre gewartet", entgegnete Kilean und seine Stimme klang vorwurfsvoller als er beabsichtigt hatte. "Was sind da schon noch ein paar Tage, Wochen oder Monate mehr? Du hast soviel Zeit, wie du brauchst." 
"Danke. Lass uns irgendetwas tun. Irgendwem hier helfen oder dergleichen. Ich will mir die Beine vertreten und..." Er legte eine Hand an den Schwertgriff an seiner Seite. "... ausprobieren, ob die Schönheit hier hält, was sie verspricht." Ein Lächeln umspielte seine Lippen.

Sie brauchten nur wenige Minuten, um sich einen halben Hügel an Aufträgen zu ergattern. Vieles einfache Aufgaben, und sie machten sich sogleich an deren Erfüllung. Kilean beobachtete in der Zeit mit Genugtuung, dass Tandral trotz seines Gedächtnisverlusts immer noch meisterlich mit dem Schwert umging. Doch der neue Tandral steckte auch voller Überraschungen. Kilean war ein wenig verdutzt, als sie eine Höhle betraten und sein Begleiter zuerst nur zögernd hineinlugte. "Müssen wir da wirklich rein? Ich mein, kann ich nicht vielleicht draußen warten?" Der Druide musterte Tandral. Er wirkte wirklich verängstigt. "Keine Sorge. Ich bin ja dabei, dir passiert schon nichts." Nach einigen Ermunterungen und Versicherungen wagte sich der Krieger dann doch in die Höhle. Im Stillen nahm Kilean an, dass es mit der Zeit zusammenhing, an die er sich nicht erinnerte... zumindest nicht bewusst.
Während sie die verschiedenen Aufträge erledigten, erzählte Kilean dem Krieger ein wenig etwas über die Veränderungen in den letzten tausend Jahren. Vom Kampf gegen die Silithiden und später gegen die Brennende Legion... von Teldrassil und Darnassus... von neuen Verbündeten... und von Tandrals Familie.
Der Krieger bedankte sich für das Angebot Kileans, ihm Darnassus zu zeigen - dem Ort, an dem sein Vater und seine ältere Schwester jetzt lebten, wies es aber für den Moment zurück. Er war noch nicht sicher, ob er sie treffen wollte.

Doch das Schicksal hatte andere Pläne.
Schon bald wurden sie nach Darnassus geschickt und trennten sich in der Stadt vorerst.
Kilean hatte Dinge in der Enklave des Cenarius zu erledigen, und so war Tandral eine kurze Zeit auf sich allein gestellt.
Als sie sich wiedersahen, musterte Kilean den niedergeschlagen wirkenden Krieger.
"Was ist passiert?"
"Ich habe meine Familie getroffen. Oder eher das, was wohl vor tausend Jahren meine Familie war...", antwortete Tandral leise.
Kilean runzelte die Stirn. "Was soll das heißen?"
"Ich habe überlebt, aber meinem Vater ist es wohl lieber, ich wäre tot. Ich bin sogar vor ihm auf die Knie gefallen, aber mehr als einen wütenden, durchdringenden Blick hatte er nicht für mich übrig." Er ließ den Kopf hängen.
"Vielleicht... vielleicht brauchen sie einfach nur mehr Zeit", ermunterte Kilean den Krieger und biss sich auf die Lippe. "Es sind immerhin tausend Jahre, die vergisst man nicht so leicht." Er konnte ihm nicht erzählen, warum sein Vater ihn so behandelte... noch nicht.
"Können wir weiterziehen? Es ist eine schöne Stadt, aber ich fühle mich hier gerade unwohl..."
Kilean nickte. "Unsere Wege müssen sich für eine kurze Zeit trennen... ich habe einen Ruf vom Zirkel des Cenarius erhalten... und als Druide bin ich verpflichtet, diesem Ruf zu folgen. Ich komme so schnell ich kann zurück, das verspreche ich dir."
"In Ordnung. Ich warte hier auf dich."
"Such dir eine Beschäftigung bis dahin. Irgendwas findest du bestimmt."
Tandral nickte und Kilean begann die Beschwörung, die ihn zur Mondlichtung bringen würde. Das letzte, was er sah bevor die Luft um ihn herum verschwamm war Tandrals leichtes Lächeln.

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